Ich persönlich finde es wunderbar, sich zum Jahreswechsel bewusst etwas Zeit zu nehmen.
Zeit zum Luftholen und Nachspüren und Pläne schmieden. Dazu gehören auch gute Vorsätze. Und da ist das neue Jahr ein guter Anlass.
Wie schön, eigentlich, Wünsche und Visionen zu haben! Tolle Ideen, die man umsetzen möchte. Das Regal, das man zimmern wollte, die neuen Bücher, das Treffen mit der Nachbarin, der Kurztrip nach Istanbul. Doch das schlechte Gewissen drückt schnell, meist hinsichtlich Ordnung und Sport. Die Steuererklärung! Aber erst noch die neuen Schuhe für die Kinder. Wieso ist die Spülmaschine noch nicht ausgeräumt? Ach, und überhaupt. Wo anfangen?
Und das genau ist es: Es ist zu viel! Alles viel zu viel. Vielleicht schon länger…
(Häufig, seit man Eltern geworden ist…)
Es besteht ein großes Ungleichgewicht zwischen dem, was man möchte, und dem, was man schafft. Das ist doof. Und manchmal fühlt es sich nach Versagen an!
Doch: Auf den eh schon großen Berg an Aufgaben noch mehr Pflichten draufzupacken, kann nicht funktionieren. Es ist Zuviel, so toll die Vorsätze auch sein mögen. Und dann kommt schnell der nächste Fallstrick: Die Schuld bei sich selbst zu suchen, weil man wieder nicht diszipliniert genug war, wieder müde den Abend vermiest hat, wieder nicht geschafft hat, was andere locker stemmen.
Selbst den Fokus darauf zu lenken, was man alles geschafft hat, kann manchmal schon zu anstrengend sein. Wieder eine Aufgabe.
Es nützt in dem Fall auch nicht wirklich, an den Zielen zu justieren. Der Klassiker: Wenn Du die Sporteinheit nicht schaffst, dann setze dir kleinere, realistischere Ziele. Das funktioniert leider nicht, wenn alles in deinem Körper nach Ruhe, nach einer Pause schreit. Dann ist jedes noch so kleine Ziel obendrauf zu viel. Punkt. Und nicht das, was du gerade brauchst!
Der erste Schritt: Stopp sagen!
Nicht einfach weitermachen. Nicht mit einem „Nützt ja nichts!“ darüberwischen.
Innehalten und Hineinspüren. Hinhorchen.
Wie ist dein Stresslevel? Mal ehrlich…
(Und wie lange schon?)
In meiner Praxis, aber auch in meinem Umfeld höre ich immer häufiger, wie gestresst die Menschen sind. (Und ich reihe mich da mit ein.) Ich habe das Gefühl, das hat in den letzten Jahren zugenommen. Extrem. Bei verdammt vielen!
Und ich frage mich: Was ist dieses „Zuviel“, unter dem wir einzeln, aber anscheinend auch im Kollektiv leiden?
Warum haben wir keine Zeit mehr? Für andere oder auch für uns selbst?
Sagst und hörst du auch ständig den Satz: „Ich würde ja gerne, aber ich schaffe es einfach nicht!“
Und ich meine damit nicht die Ausrede, sondern das ernsthafte Bedauern, für etwas keine Zeit zu haben, was man eigentlich gerne machen würde. Und ich meine damit auch nicht, bewusstes Zeitmanagement zu betreiben, um sich Zeit für sich selber freizuräumen, Zeitinseln zum Ausruhen zu schaffen. Es ist dieser Ausdruck davon, etwas Unliebsames machen zu müssen statt etwas Schönem. Und dann rennt man weiter.
Ein Aspekt ist sicherlich anzuerkennen, was man tagtäglich leistet. (Und wer solltet es auch sonst tun, wenn nicht ich selber – denn kein anderer kann einschätzen, wie ich mich heute gefühlt habe, wieviel Kraft mich vielleicht das eine oder andere heute gekostet hat?!)
Ein weiterer Aspekt ist, sich zu erlauben, manches auch mal nicht zu schaffen, nicht perfekt zu machen, nach hinten zu priorisieren. (Zu riskieren, jemanden zu enttäuschen.)
Doch das ist alles Symptombehandlung. Viel spannender finde ich die Frage:
Was ist eigentlich das „Zuviel“? Will ich das? Und wenn ja, warum?
In dieser Frage, die vielleicht sogar etwas lustig klingen mag, steckt Sprengstoff!
Denn, was bei mir das „Zuviel“ auslöst und mich so immer wieder schwächt, wenn ich nicht bewusst dagegen steuere, ist die Motivation hinter dem, was ich tue. Beziehungsweise, präziser formuliert, die fehlende Reflektion und daher genau genommen die fehlende „echte“ Motivation dahinter!
Was meine ich damit?
Gerade wenn ich etwas eigentlich nicht machen möchte, dürfte ich mich durchaus häufiger fragen, warum ich es dann mache? Und für wen, wenn ich mal ernsthaft darüber nachdenke? Gäbe es nicht vielleicht auch eine Alternative, statt die Frage nach dem Warum zu ignorieren und das Unangenehme „einfach schnell zu machen“?
Und umgekehrt, wenn die Antwort lautet, dass etwas aus der richtigen, eigenen Motivation heraus mein Wunsch ist, dann stärkt mich diese Erkenntnis und gibt mir vielleicht sogar noch einen extra Energieschub.
Konkreter:
Am Beispiel Spülmaschine. Ich bin genervt, weil ich die Spülmaschine noch ausräumen und der Mülleimer geleert werden muss. Alle anderen Familienmitglieder haben das mal wieder gekonnt ignoriert. Na toll, jetzt bin ich wieder die Dumme.
Stopp!
Durchatmen. Hinspüren. Nachdenken. Hinterfragen.
Die Kinder könnten auch die Spülmaschine ausräumen. Ich gebe ihnen die Aufgabe. Aber…puh, das Gemecker und Gejammer dann. Und dann passiert es eh wieder nicht, da kann ich es auch grad selber machen.
Doch es geht nicht nur darum, mal eben die Spülmaschine auszuräumen. Auch wenn sich diese vielen kleinen Aufgaben über Tag ganz schön summieren. Es geht in erster Linie um das Gefühl, das ich dabei habe. Sind wir hier ein Team, werde ich in meiner Rolle gesehen, wird die Arbeit wertgeschätzt, die ich leiste?
Wenn die Antwort nein lautet: Wieder Hinspüren. Auch wenn es jetzt anfängt, unangenehm zu werden.
Dann ist es eine Frage der klaren Kommunikation – und der Konsequenz. Keine Bitte, sondern eine konkrete Aufforderung, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Sache zu erledigen. Und die Konsequenzen zuzulassen, wenn die Aufgabe nicht erledigt wurde. Heißt: Im Extremfall kann auch mal nicht gekocht werden, weil kein sauberer Topf mehr da ist.
In der Theorie allen klar. In der Praxis mega schwer. Über das Thema Konsequenz in der Kindererziehung wurden nicht umsonst tausende Bücher geschrieben. Also wieder eine Zusatzaufgabe – und genau daher knicken so viele an der Stelle ein! Weil sie die Kraft nicht haben.
Verständlich. Und menschlich. Wenn sich jedoch grundlegend an der Situation etwas ändern soll, komme ich nicht darum herum, mir die Kraftreserven zumindest für die Übergangsphase woanders herzuholen. Nur dann kann ich eine Routine schaffen, die mich dauerhaft entlastet.
Doch diese Dinge zu finden, die ich ändern kann, um mir Kraft zu holen, kostet auch schon Kraft. Und wenn ich sie gefunden habe, sind diese vermutlich ebenfalls nur schwer zu verändern. Ein Teufelskreis. Und noch mehr Aufgaben.
So schlimm ist es eigentlich alles auch gar nicht. Ich räum mal schnell die Spülmaschine aus.
Und mache weiter wie immer.
Wie so viele.
Noch ein Beispiel, diesmal die Wäsche meines Vaters. Mein Vater ist pflegebedürftig, wohnt aber noch allein. Braucht jedoch meine Unterstützung, immer mehr. Auch wenn er die nicht annehmen mag, weil er seine Situation nicht wahrhaben will. Also geraten wir immer wieder aneinander. Ich mache etwas für ihn, er meckert. Ich erledige die Aufgaben nur noch unwillig, fahre schon schlecht gelaunt zu ihm. Es knallt noch häufiger zwischen uns.
Stopp!
Durchatmen. Hinspüren. Nachdenken. Hinterfragen.
Will ich das? Will ich meinen Vater unterstützen? Wie ist eigentlich unser Verhältnis? Bin ich hier immer noch das Kind? Stehen vielleicht auch noch andere unausgesprochene Dinge im Raum? Sieht mein Vater eigentlich, was ich alles so leiste? (Sehe ich mich?)
Und schon wieder wird es schmerzhaft.
Und dann die Frage: Sehe ich eigentlich meinen Vater? Habe ich mich auch mal mit seiner Situation auseinandergesetzt? Wie ist es, alt und hilflos zu werden? Hilfe von der Tochter, dem Pflegedient, den Nachbarn annehmen zu müssen? Habe ich ihn mal gefragt, wie es ihm geht, in der neuen Wohnung, seit seine Frau gestorben ist? (Nicht nur meine Mutter ist tot.)
Bin ich eine gute Tochter?
Und schon werde ich weicher. Offener. Für ihn und für mich. Es knallt weniger. Die Aufgabe, seine Wäsche zu waschen, wird leichter. Und vielleicht entsteht an einem guten Tag auch mal wieder ein Gespräch…
Es gibt nicht immer eine schnelle, einfache Lösung. Wir müssen schon genauer hinschauen. Uns die Zeit nehmen, um Zeit zu bekommen.
Und mehr Zeit ist manchmal nicht in Minuten zu rechnen, sondern in Gefühlen.
Also frage ich dich:
Wo entrinnt dir deine Zeit? Wann gibst du eine Zeit für etwas weg, was du eigentlich nicht machen möchtest? Sind dir die Gründe dafür bewusst? Was genau ist dein ganz persönliches „Zuviel“?
Und wofür möchtest du deine Zeit gerne verwenden?
Holpriger Schreibstil? 100% Nicola, 0% KI 😉